Hin statt weg

Susanne Fiege, Chemikerin im Jobcenter

Susanne Fiege hatte immer den Wunsch, in einem Leben anzukommen, in dem sie auf die Depression hört. Also hin zu Achtsamkeit und bewusstem Umgang mit der Depression statt weg von ihr. Das ließ sie frei werden.

Wie man als Chemikerin ins Jobcenter kommt, ist eine eigene Geschichte, wichtig für diese hier ist nur, dass ich dankbar für diese „Fügung“ bin. Die Arbeit im Jobcenter war schließlich der Auslöser für eine mittelgradig schwere Episode meiner aktuellen Depressionserfahrung. Ohne diese Diagnose hätte ich mich wohl nie oder nicht so bald in so einer Ausführlichkeit mit mir beschäftigt.

 

Sich schwer krank fühlen und körperlich gesund sein

Mich haben in der akuten Phase diverse körperliche Symptome (Somatisierungen) stark beeinträchtigt. Ich hatte anfänglich Sorgen, später Panikattacken aus Angst, schwer krank zu sein. Doch das alles wurde physiologisch widerlegt. Den Höhepunkt der Symptome beschreibe ich mit folgendem Erlebnis: Ich saß bei der Arbeit, blickte auf den Schreibtisch und den Computerbildschirm und merkte, wie ich zwar erkannte, dass da Post und E-Mails sind, doch nicht mehr wusste, was ich damit tun soll. Als ich nach einem Zusammenbruch von der Arbeit zum Arzt ging, wurde ich mit der Diagnose Depression schließlich krankgeschrieben.

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Ich erkannte bald: Es bringt mir nichts, die Depression zu verleugnen oder sie einfach weghaben zu wollen. Ich versuchte, sie als einen sogar hilfreichen Teil von mir anzunehmen, der mir sagte, dass ich ab sofort wesentlich mehr auf MICH achten muss.

Die Diagnose brachte für mich eine Erleichterung. Ich wusste nun, woran ich arbeiten konnte. Ich bin von vornherein offen damit umgegangen und habe vor allem meinen Freunden davon berichtet. Ich habe mich sehr bewusst für den Kontakt und gegen das Zurückziehen entschieden.

 

Depressionen als Hilfe annehmen?

Ich erkannte bald: Es bringt mir nichts, die Depression zu verleugnen oder sie einfach weghaben zu wollen. Ich versuchte, sie als einen sogar hilfreichen Teil von mir anzunehmen, der mir – zwar in dem Moment direkt sehr deutlich und bildlich gesprochen mit dem Vorschlaghammer – sagte, dass ich ab sofort wesentlich mehr auf MICH achten muss.

 

Ich erkannte, dass ich Hilfe von außen brauche, da meine bisherigen Mechanismen nun nicht mehr funktionierten. So folgten bald zwölf Wochen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, wo mein emotionaler Zustand oft so stark schwankte, dass er eher einer seismografischen Erdbebenaufzeichnung gleichkam. Doch ich stellte mich dem Prozess, ließ mich voll darauf ein, was nicht immer leicht war. Jede zusätzliche Krise, jeden zusätzlichen Konflikt habe ich für mich als ein „therapeutisches Geschenk“ betrachtet und mich immer wieder gefragt, was mir diese Situation und das dazu aufkommende Gefühl nun zeigen möchte.

Vielleicht war es für mich insgesamt sehr von Vorteil, dass ich mich schon im Vorfeld mit Meditation und Achtsamkeit beschäftigt hatte, sodass ich die Praxis des „wertfreien Wahrnehmens“ kannte und auch für diese Situationen anwenden konnte.

 

Sich selber wieder mehr beachten – achtsam sein

Mir half das Einlassen auf die eigenen Gefühle und das Wahrnehmen der Handlungsimpulse, ohne sie direkt auszuführen. Ich versuchte dieses Erleben in den Therapiesitzungen zu benennen und keine Angst davor zu haben, dass es da ist, was auch immer es war – ob Wut, Traurigkeit, Angst, Ohnmacht: erkennen und benennen und immer wieder Hilfe holen (das war der schwerste Teil für mich), um zu erfragen, wie ich mit dem Chaos in mir umzugehen habe. So wurde ich Stück für Stück selbstverantwortlicher im Umgang mit meinen Gefühlen und auch mit meinem daraus resultierenden Verhalten.

 

Ich habe also gelernt, wieder auf mich und meinen Körper, meine Gefühle und meine Gedanken zu achten. Hinzuhören, welche Bedürfnisse sich in mir danach sehnten, gesehen zu werden. Und dann auch auszusprechen, was ich über mich erfahren habe, sodass das Bedürfnis auch im Außen erkannt und bestenfalls gestillt werden konnte.

Ich habe mich noch in der Klinik um eine weiterführende ambulante Therapie gekümmert, die mir hilft, das Gelernte im alltäglichen Leben umzusetzen.

 

Gesunde innere Dialoge erlernen

Schließlich habe ich vor Kurzem auch noch einen sechswöchigen Reha-Aufenthalt absolviert. Den größten Effekt hatte hier für mich die Schematherapie, die mich auf den Grund meiner Verhaltensweisen brachte und mir erklärte, welche automatisierten Muster bei mir ablaufen. Ich lernte, tiefer und früher wahrzunehmen, was in mir passiert und wie ich einen gesunden inneren Dialog führen kann, der meine großen Emotionen beruhigt und meinen Kopf für bewusste Handlungen klar werden lässt.

 

Zudem habe ich mit der Reha, auf Anraten einer Heilpraktikerin, meine Ernährung umgestellt (kein Weizen, keine Milch, kein Schweinefleisch, kein Soja, kein raffinierter Zucker) und es gab regelmäßig Bewegung, mehr als zweieinhalb Stunden pro Woche. Beides habe ich auch nach der Klinik beibehalten, und es trägt deutlich zu meinem Wohlbefinden bei.

 

Seit der Reha bin ich depressionsfrei! Jetzt, bald zwei Monate nach der Reha, merke ich selbst, wenn ich ab und zu in einer Situation bin, in der die Depressivität deutlich zu spüren ist – doch es ist kein Dauerzustand mehr und ich erlebe, dass ich mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen umgehen und ihnen ihren gewünschten Raum geben kann.

 

Das Leben annehmen heißt auch, die Depression anzunehmen

Es war nie wirklich mein Ziel, von der Depression weg zu kommen. Immer habe ich den Wunsch gehabt, in ein Leben zu kommen, in dem ich mit der Depressivität umgehen kann. Also hin zum Umgang mit der Depression statt ein weg von ihr.

 

An dieser Stelle möchte ich sehr gern das Buch „Krankheit als Weg“ von Rüdiger Dahlke und Thorwald Dethlefsen nennen. Sie beschreiben in ihrem Buch, dass Krankheit – genau wie Gesundheit – jeweils ein Teil des Ganzen ist. Gesundheit kann ohne Krankheit nicht existieren und umgekehrt. Und in der Regel ist es nicht das Problem, dass uns krank macht, sondern der Umgang mit dem Problem, welches wir ablehnen und weg haben wollen.
Das Leben annehmen – so wie es ist – ist mein Weg zurück ins Leben!



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