Ich geh schon mal los!

Daniel R. Schmidt, freiberuflicher Journalist / Sprecher / Moderator

Das stundenlange Gehen in der Natur hat Daniel R. Schmidt Schritt für Schritt auf den Pfad zurück zu einer seelischen Gesundung geführt.

Nach meiner ersten großen depressiven Episode in meinen Mittzwanzigern, fiel ich 2016 nach der überraschenden Trennung von meinem Lebenspartner in die zweite depressive Episode, die so schwer war, dass ich neben meinem Partner auch recht schnell meine Anstellung verlor. Der graue Schleier, der meine Seele einpackte, schnürte sich so eng um meine Gedanken, dass ich binnen kürzester Zeit handlungsunfähig wurde. Glücklicherweise erhielt ich schnell einen Therapieplatz, was in Anbetracht der zunehmenden lebensverneinenden Gedanken mehr als notwendig war.

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In der Arbeit mit meiner Verhaltenstherapeutin erarbeitete ich mir, diese für mich traumatischen Ereignisse als Zäsur und Chance zu begreifen und mein Leben selbstbestimmt in völlig neue Bahnen zu lenken.

Pilgerwege gehen

Um mich von meiner eigenen Trauer und den damit aufgebauten festgefahrenen persönlichen Strukturen zu lösen, nahm ich mir vor, mit einer Reise auch ein für mich selbst erlebbares Abgrenzungsereignis zu schaffen. Im April 2017 war ich dann seelisch in der Lage, die Tour anzugehen. Ich verfügte über kaum Budget, kratzte aber dennoch die letzten monetären Reserven zusammen, um mir einen meiner Lebensträume zu erfüllen: Ich war schon immer ein riesiger Skandinavien-Fan und wollte schon seit Langem einen der Pilgerwege dort bereisen. So entschied ich mich, als Pilger den St. Olavsweg in Norwegen von Oslo nach Trondheim zu gehen. Es wurde eine der atemberaubendsten Erfahrungen meines Lebens.

 

Als Stadtmensch war ich das durchgetaktete Leben einer Großstadt gewohnt. Mit all ihrem Stress, aber auch ihren Bequemlichkeiten, den kurzen Wegen und der satten Infrastruktur. Fünfunddreißig Jahre lang lebte ich in ein und derselben Stadt mit meinem gewohnten Umfeld, auf das ich mich verlassen konnte. Jetzt war ich auf mich alleine gestellt, nur mit einem Rucksack bepackt. Darin: wenige Utensilien zum Zelten, ein wenig Proviant und Wechselkleidung. So machte ich mich auf den Weg.

 

Gegen den Schmerz anlaufen

Die Tage auf der Strecke selbst gestalteten sich spannend. So zum Beispiel die dritte Etappe von Risebru nach Eidsvoll. ich hatte in einer Pilgerherberge genächtigt, die Gott sei Dank auch außerhalb der eigentlichen Pilgersaison (die lediglich von Mai bis August terminiert ist) geöffnet war. Nach dem Frühstück ging es mit dem wieder zusammengepackten Rucksack auf den Weg. Siebzehn Kilogramm Gewicht trug ich auf meinem Rücken, was mir in den ersten Tagen deutliche Rückenschmerzen bescherte. Aber ich lief gegen die Schmerzen an, versuchte durch Einsatz meiner Wanderstöcke der Pein entgegenzuwirken und wurde von der einzigartigen Ruhe und der wunderschönen Weite der Landschaft entschädigt.

 

In die Etappe hinein ging es nach einem kurzen, steilen Anstieg über eine Wiese weiter auf einem asphaltierten Fußweg in Richtung Norden. Der St. Olavsweg schlängelt sich in Richtung Trondheim mal östlich, mal westlich der E6, einer Autobahn, die eine Nord-Süd-Verbindung durch Norwegen anbietet. nach etwa drei Kilometern erreichte ich die kleine Ortschaft Råholt, in der ich die Möglichkeit nutzte, meine Vorräte in einem kleinen Supermarkt wieder aufzustocken. Weiter ging es auf der Landstraße durch ein Wohn- und Industriegebiet entlang in Richtung Eidsvoll.

 

Das Leben auf das Wesentliche reduzieren

Beeindruckend für mich erschien der recht schnell einsetzende Minimalismus des Pilgerns. Ich reduzierte mein Leben auf die essenziellen Fragen: Wo muss ich entlang? Wo werde ich schlafen? Wo erhalte ich Wasser? Jede Antwort auf diese einfachen Fragen gab mir ein Glücksgefühl, jedes Finden eines Wegweisers mit dem charakteristischen St. Olavskreuz gab mir neues Selbstvertrauen.

 

Ich ging stundenlang alleine, kam dennoch – wenn ich welche traf – sofort mit den Einheimischen in Kontakt. Skandinavier sind nämlich nicht wirklich so kontaktscheu, wie es ihr Ruf ist. Die Hilfsbereitschaft war mir zudem völlig unbekannt. Suchte man nach dem Weg, erhielt man gleich einen Rat, klopfte man bei einem Haus an, weil man keinen Wasservorrat mehr hatte, bekam man nicht nur neues Wasser, sondern auch immer ein nettes Gespräch.

Auf dem Weg in die Stadt Eidsvoll kam ich am „Eidsvollsbygningen“ vorbei. Dies ist der Landsitz, an dem die norwegische Verfassung unterzeichnet wurde. Heute steht dort ein Museum, an dem ich einen Stempel für meinen Pilgerpass erhalten konnte. Der Pilgerpass ist quasi der Beweis für die Pilgerreise. Am „Eidsvollsbygningen“ ging es dann in östlicher Richtung durch die Natur entlang des Flusses Andelva. Eine traumhafte Szenerie, bei dem man das Gefühl hat, dass man in Norwegen immer ein wenig dichter am Himmel dran ist als hier in Deutschland. Nach der Flussidylle passierte ich einen Sportplatz, um dann über Felder (also wirklich quer durch die Felder) zu einem Wäldchen zu gelangen. An einer Tischgruppe machte ich Rast und telefonierte mit der nächsten Pilgerunterkunft, bei der ich dann später erschöpft einkehrte.

 

Alleine in der Natur 

Es ist ein so völlig anderes Leben auf der Strecke, als ich normalerweise gewöhnt bin. Als Resümee kann ich festhalten, dass die Stunden alleine in der Natur und das fast schon transzendente Gehen, die bislang heilsamste Erfahrung waren, die ich im Kontext meiner Depressionen erfahren durfte. Zwar konnte ich aufgrund von Lawinenwarnungen und Sperrungen nicht die gesamte Strecke gehen, sondern musste partiell auf den Zug ausweichen, aber nichtsdestoweniger hat mir das Pilgern auf dem St. Olavsweg ein großes Stück meines Selbstvertrauens zurückgegeben, das ich während der Hochphase meiner depressiven Episode verloren hatte.

 

Pfad zurück zur seelischen Gesundung

Ich kann aufgrund dieser Erfahrung jeden Betroffenen nur ermutigen, in Phasen der Hoffnungslosigkeit, der tiefen Trauer und Depression den Schritt zu gehen, im eigenen Leben den Mut zu einer Zäsur zu finden. Vermeintliche Sicherheiten wie Einkommen, Karriere und Status können einen durchaus vom Ziel abhalten, den entscheidenden Schritt in Richtung Überwinden einer Depression zu gehen. Mir haben die Reise, das stundenlange Gehen und die Besinnung auf die eigene Seele den Pfad zurück zu einer seelischen Gesundung verschafft. Letztere wünsche ich allen ebenfalls Betroffenen.



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