Rezension von DDL-Mitglied Mechthild Strahler
In „Vaterlos“ erzählt Thomas Medicus von einem Jungen, der im Alter von siebzehn Jahren mit dem Suizid seines Vaters konfrontiert wird. Der Vater ist ein angesehener Arzt in einer süddeutschen Kleinstadt. Sein Tod ist deshalb nicht nur ein schmerzhafter Einschnitt für die Familie, sondern wird auch von der örtlichen Öffentlichkeit wahrgenommen und kommentiert.
Für den Sohn entsteht eine Leerstelle, die sich nicht einfach durch Trauer bewältigen lässt. Die Familie muss mit dem Verlust weiterleben, während zugleich vieles unausgesprochen bleibt: Fragen nach den Gründen des Suizids, nach der psychischen Verfassung des Vaters und nach dem Anteil der Angehörigen werden nicht offen beantwortet. Scham und die Angst vor dem Urteil der Umgebung erschweren den Umgang mit dem Geschehen.
Der Roman verfolgt, wie dieses Ereignis die Kindheit und Jugend des Erzählers nachträglich prägt. Dabei geht es nicht nur um den konkreten Tod des Vaters, sondern auch um die Atmosphäre einer Zeit, in der über psychische Erkrankungen, Depressionen und Suizid häufig geschwiegen wurde. Der familiäre Verlust wirkt dadurch über den Moment des Todes hinaus und beeinflusst die Beziehungen, die Erinnerung und das Selbstverständnis des Sohnes.
Medicus verbindet die persönliche Geschichte mit einer späteren rückblickenden Auseinandersetzung. Der erwachsene Erzähler versucht, die damaligen Ereignisse einzuordnen und die eigene Familiengeschichte besser zu verstehen. Dabei fragt er auch, was sich über einen Menschen, der sich das Leben genommen hat, überhaupt rekonstruieren lässt – und wo die Grenzen des Erinnerns und Erklärens liegen.
Das Buch ist daher weniger ein klassischer Spannungsroman als eine literarische Untersuchung eines familiären Traumas. Es handelt von Verlust, Sprachlosigkeit und der langen Suche nach einem Umgang mit dem Vater, der nach seinem Tod zugleich abwesend und weiterhin bestimmend bleibt. Die zentrale Belastung besteht in der Darstellung des Suizids und seiner emotionalen Folgen für die Hinterbliebenen.
Eine aufwühlende und sehr persönliche Geschichte.
Bei diesem Buch handelt es sich um den ersten, ausdrücklich autobiografischen Roman des bisher vor allem als Journalist und Sachbuchautor bekannten Thomas Medicus.
Verlag: Rowohlt Berlin
224 Seiten
ISBN-13: 978-3-7371-0244-5