“Zu wissen, dass ich keinen Fahrtweg auf mich nehmen muss, war und ist bis heute ein großer Pluspunkt”
Die Videosprechstunde hat in der psychotherapeutischen Versorgung in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Spätestens seit der Corona-Pandemie ist sie für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil der Behandlung geworden. Für manche als Übergangslösung, für andere als dauerhaft hilfreiches Angebot.
Doch wie wirkt sich Therapie per Video auf die therapeutische Beziehung aus? Welche Chancen bietet sie, wo liegen ihre Grenzen? Und für wen kann dieses Format besonders entlastend sein? Darüber haben wir mit zwei Menschen gesprochen, die Videosprechstunden aus unterschiedlichen Perspektiven kennen:
Dr. med. Behula Chatterjee-Metzinger ist psychotherapeutisch tätige Ärztin für Erwachsene und hat sowohl vor als auch während der Pandemie Erfahrungen mit Videosprechstunden gesammelt. Sarah Louven ist langjähriges Mitglied der Deutschen DepressionsLiga und therapieerfahren. Sie berichtet aus Patientinnensicht, wie sie die Online-Therapie erlebt und welche Bedeutung sie für ihren Alltag hat.
DDL: Frau Chatterjee-Metzinger, wie kamen Sie dazu, Videosprechstunden anzubieten?
Chatterjee-Metzinger: Die ersten Sitzungen mit meinen Patientinnen und Patienten fanden im direkten Kontakt statt, dann brach die Pandemie aus und wir wechselten zur Videosprechstunde
DDL: Und wie hat es sich aus Patientinnensicht ergeben, Sarah?
Sarah: 2021 war ich auf der Suche nach einer ambulanten Therapie. Zu dem Zeitpunkt habe ich mir über Videosprechstunden noch nicht so viele Gedanken gemacht. Durch meine starken Ängste, mich mit Covid19 anzustecken, trug ich damals eine Maske in der Sitzung. Mir wurde dann im Anschluss angeboten, vorerst über Videosprechstunden weiterzumachen, da meine behandelnde Therapeutin meine Mimik wahrnehmen musste.
DDL: Wie waren Ihre ersten Gedanken oder Gefühle gegenüber der Therapie via Video?
Chatterjee-Metzinger: Das Tool der Videosprechstunde war mir zwar schon bekannt, durch die Corona-Pandemie ergaben sich nun auch weitergehende Möglichkeiten. Ich war gespannt, inwieweit sich dieses Verfahren auf den therapeutischen Prozess auswirken würde.
Sarah: Ich war einfach nur dankbar für diese Möglichkeit, die mich mental auch sehr entlastet hat. Zu wissen, dass ich keinen Fahrtweg auf mich nehmen muss, war und ist bis heute ein großer Pluspunkt. Ich darf außerdem in meiner gewohnten Umgebung sein und es mir so bequem machen, wie es für mich am angenehmsten ist. Durch meine Erkrankung ist es manchmal auch schwierig, das Zuhause zu verlassen. Einfach nur ein technisches Gerät einzuschalten, ist daher eine niedrige Hürde. Darüber hinaus hatte ich in Pandemiezeiten ständig zwanghafte Angst, mich bei anderen Menschen anzustecken. Dadurch, dass man auf Distanz kommuniziert hat, fiel diese Anspannung bei mir weg und hat enorme Erleichterung gebracht. Ich konnte mich dann ganz auf das Wesentliche konzentrieren.
DDL: Welche technischen Voraussetzungen braucht es für eine funktionierende Online-Therapie und wie leicht oder schwer war der Einstieg für Sie, Frau Chatterjee-Metzinger?
Chatterjee-Metzinger: Die Praxissoftware liefert ein sicheres Portal, mit Verschlüsselung, die den hohen Anforderungen an Daten- und Cybersicherheit entspricht. Für mich bedeutete das, dieses Zusatzmodul zu buchen und ggf. Kopfhörer einzusetzen. Das Angenehme für die Klienten ist, dass sie sowohl über PC, Laptop, Tablet als auch Mobiltelefon in die Videosprechstunde gehen können. Dies ist besonders hilfreich, wenn andere Personen in der Wohnung sind, oder es nur einen PC in der Familie gibt. So sind die Klienten sogar mobil, mit einigen habe ich im geparkten Auto gesprochen, weil das der einzige ungestörte Ort war.
DDL: Und wie war es für dich aus Patientinnensicht, Sarah?
Sarah: Es ist wirklich sehr einfach. Ich benötige lediglich meinen Laptop, eine Webcam und ein Mikrofon. Ich wähle mich in die Sprechstunde über einen für mich stets neu generierten Link ein und muss auch für jede Nutzung den Datenschutzbestimmungen zustimmen.
DDL: Gab es Hürden oder besondere Herausforderungen im digitalen Setting?
Chatterjee-Metzinger: Wie gesagt, die Sicherheit wird von der Praxissoftware sichergestellt. Dennoch gibt es immer wieder kleinere „Bugs“, kurze Unterbrechungen z.B., die sich schnell beheben lassen.
Sarah: Ich habe mir die Datenschutzbestimmungen durchgelesen, denn immerhin sind es sehr sensible Daten und Gespräche, die auch der Schweigepflicht eines Therapeuten unterliegen. Technische Probleme treten äußerst selten auf und sind schnell zu lösen.
DDL: Wie wirkt sich die digitale Therapiestunde auf die therapeutische Beziehung aus?
Chatterjee-Metzinger: Videosprechstunden funktionieren gut, wenn eine stabile Arbeitsbeziehung bereits hergestellt werden konnte. Während der Pandemie wurde es notwendig, diese Beziehung auch online herzustellen. Als Therapeutin ist mir dabei wichtig, möglichst viel vom Klienten sehen zu können. Also nicht nur den „üblichen Zoom Kopf“, denn Körperhaltung, Körpersprache, Mimik und Gestik sind unverzichtbar für mich, um einen Gesamteindruck zu bekommen. Es war erstaunlich, wie gut das funktioniert hat. Überprüfen konnten wir das, nachdem der Lockdown beendet wurde und wir uns persönlich treffen konnten. Den bis dahin entstandenen Eindruck musste ich nur sehr selten und nur geringfügig korrigieren.
DDL: Fühlen Sie sich genauso nah wie in einem Raum?
Chatterjee-Metzinger: Nein, die Nähe eines direkten Kontakts kommt nicht immer zustande. Das muss jedoch kein Nachteil sein, denn es kann gerade für sehr belastete Klienten hilfreich sein, eine „sichere Distanz“ einhalten zu können. Sie bleiben in ihrem sicheren Umfeld und haben die Gewissheit, dass ihnen nichts passieren kann.
Sarah: Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass es für mich kaum einen Unterschied macht. Es ist natürlich angenehm und auch sinnvoll, die behandelnde Person auch mal persönlich zu treffen. Ich finde, die Therapiequalität hängt nicht von körperlicher oder digitaler Präsenz ab, sondern davon, ob die Chemie zwischen beiden stimmt. Nach anstrengenden Terminen bin ich außerdem froh, einfach meinen PC herunterzufahren und direkt runterkommen zu können.
DDL: Gibt es Unterschiede in der nonverbalen Kommunikation oder in der Atmosphäre im Vergleich zu Präsenzsitzungen?
Chatterjee-Metzinger: Natürlich gibt es Unterschiede. Die nonverbale Kommunikation ist essenziell im therapeutischen Setting. Ich achte vermehrt darauf, deutlich zu verbalisieren, was ich sonst vielleicht körpersprachlich vermittelt hätte.
Sarah: Man beobachtet sich selten selbst, aber ich kann mir vorstellen, dass man in Präsenz doch noch eine andere Körpersprache hat. Nervöses Wippen mit den Beinen ist beispielsweise in der Videosprechstunde nicht sichtbar. Vielleicht unterdrückt man unbewusst solche Impulse im Präsenzfall.
DDL: Wie erleben Sie die Wirksamkeit der Therapie per Video? Können wichtige Themen genauso tiefgreifend bearbeitet werden wie in Präsenz?
Chatterjee-Metzinger: Ja, wichtige, tiefergehende Themenbereiche können auch in der Videosprechstunde bearbeitet werden. Dabei ist, wie eigentlich bei jedem „Online-Meeting“, das Setting des Klienten ausschlaggebend. Ungestörte Privatsphäre, Ruhe und Sicherheit sind Voraussetzungen für jedes vertrauliche Gespräch.
Louven: Ich empfinde die Therapie als äußerst wirksam. Die Gründe dafür, die ich bis jetzt aufgeführt habe, überwiegen für mich persönlich ganz klar.
DDL: Gab es Themen oder Situationen, bei denen das Videoformat besonders hilfreich oder besonders herausfordernd war?
Chatterjee-Metzinger: Für mich ist es schwer, nicht direkt „trösten“ zu können, wenn es Klienten nicht gut geht. Ein Taschentuch zu reichen oder ein Getränk anzubieten, und so die belastende Situation zu pausieren.
Sarah: Hier möchte ich betonen, dass jeder Mensch ein individuelles Empfinden hat. Ich finde es überwiegend hilfreich, mich in meiner gewohnten Umgebung aufzuhalten. Für manche Menschen stelle ich es mir eher als besonders herausfordernd vor, wenn in der häuslichen Umgebung bestimmte Triggerpunkte sind. Außerdem kenne ich aus meiner Selbsthilfegruppe auch Menschen, die lieber die Therapie in einer örtlichen Praxis in Anspruch nehmen wollen. Ähnlich wie beim Homeoffice ist nicht jeder Mensch dafür gemacht. Was man auch nicht vergessen darf: Stand 2026 muss die Gesundheitskarte der Krankenkasse auch einmal im Quartal vor Ort eingelesen werden.
DDL: Welche Rolle spielt die Flexibilität durch die Videosprechstunde in Ihrem Alltag?
Chatterjee-Metzinger: Ich empfinde es als praktisch, im Home-Office oder online zu arbeiten. Es macht mich flexibler in meinem Arbeitsalltag. So kann ich ausgefallene Sitzungen für mich besser nutzen. Ich stehe tatsächlich auch kurzfristig mal am Abend oder in einer Pause online zur Verfügung.
Sarah: Das ist schon total praktisch. Beispiel: Ich arbeite im Home-Office, mache Feierabend, gönne mir eine halbe Stunde Pause vor der Therapiesitzung, mache den Computer an in meiner gewohnten Umgebung und muss dafür nicht noch einen Fahrtweg und Kosten auf mich nehmen. Nach der Sprechstunde erledige ich umgehend den Haushalt oder gehe Hobbies nach.
DDL: Welche Tipps hab Sie für Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine Therapie per Video zu beginnen, Frau Chatterjee-Metzinger?
Chatterjee-Metzinger: Mein Tipp: Einfach ausprobieren. Die Schwelle scheint mir niedriger, als in eine oft unbekannte Gegend zu gelangen. Wenn es schwerfällt, aus dem Bett zu kommen, oder sich fertig zu machen, wenn die Nähe fremder Menschen belastend ist, kann die Psychotherapie per Video ausgesprochen entlastend sein.
DDL: Was würdest Du aus Patientinnensicht raten, Sarah?
Sarah: Meine persönliche Erfahrung ist sehr positiv und ich wünschte, es würde schon in einem größeren Umfeld angeboten werden. Gerade im ländlichen Raum ist die psychotherapeutische Versorgung mangelhaft. Vielen Menschen würde so geholfen werden, wenn das Angebot insgesamt auch größer wäre. Dass die psychotherapeutische Bedarfsplanung samt dem Mangel an Kassensitzen für PsychotherapeutInnen reformiert und die unmenschlich langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz für gesetzlich Versicherte dringend verringert werden müssen, ist schon längst bekannt.
DDL: Was hat Sie in der Videosprechstunde besonders berührt, überrascht oder gestärkt?
Chatterjee-Metzinger: Die Herausforderung, mit neuen Klienten ein neues Therapiesetting auszuprobieren, war riesig groß… und überraschend leicht. Die Klienten haben es mir leicht gemacht. Ich wünsche mir auch für die Zukunft, dass alle Möglichkeiten zur Therapie haben. Egal ob in direktem Kontakt, per Video und auch die DIGA (Anm. der Red.: digitale Gesundheitsanwendungen) fleißig genutzt werden, damit das Gesamtangebot möglichst vielen Betroffenen zur Verfügung steht.
Sarah: Mich hat überrascht, wie intensiv und effektiv eine Therapie sein kann, auch wenn die behandelnde Person nicht im selben Raum sitzt.
DDL: Vielen Dank für das angenehme Gespräch.
Psychische Gesundheit im Fokus: Gesundheitstag in Bad Bentheim
Bereits am 17. September folgte die DDL einer Einladung des Eylarduswerks nach Bad Bentheim. Der Diakonische Kinder-, Jugend- und Familienhilfe e.V. hatte seine Mitarbeitenden zum siebten Gesundheitstag eingeladen und ein vielfältiges Programm zusammengestellt, in dem psychische Gesundheit einen gleichwertigen Platz neben körperlichen Themen einnahm.
Unsere damalige Vorsitzende Dr. Claudia Kociucki war mit dem Vortrag „Kopf hoch – wird schon wieder!?“ Teil des Programms und sprach in zwei gut besuchten Veranstaltungen mit Betroffenen, Angehörigen und Mitarbeitenden. Die Rückmeldungen zeigten, wie hilfreich es für viele war, Depressionen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und Erfahrungsberichte zu hören. Auch am Infostand wurde eine wertschätzende und offene Atmosphäre spürbar, die den Austausch erleichterte.
Solche Gesundheitstage machen deutlich, wie wichtig es ist, psychische Gesundheit in Organisationen selbstverständlich mitzudenken. Die DDL bringt sich hier im Rahmen ihrer Möglichkeiten gerne mit Vorträgen und Materialien ein.
Tag der seelischen Gesundheit: Sichtbarkeit und Austausch in Bad Hersfeld
Auch beim Tag der seelischen Gesundheit im Oktober war die DDL mit einem Infostand vertreten. In Bad Hersfeld kam es zu zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen, Angehörigen, Interessierten und Fachkräften aus Medizin und Sozialarbeit. Wir durften viele neue Bekannte begrüßen, die die Deutsche DepressionsLiga bislang noch nicht allzu viele Berührungspunkte mit der DDL hatten. Sie nutzten die Gelegenheit, Informationsmaterial mitzunehmen und Fragen zu stellen.
Besonders häufig wurde zurückgemeldet, wie wichtig der offene Gesprächsraum war, den der Stand bot. Einige Interessierte äußerten sogar direkt den Wunsch, Mitglied zu werden. Solche Rückmeldungen zeigen, wie sehr niedrigschwellige Präsenzangebote dazu beitragen, Hemmschwellen abzubauen und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen.
Wir bedanken uns beim DDL-Mitglied Frank Redeker, der den Stand in Bad Hersfeld betreute.
Ein Jahr lang Laufen und Radfahren – Jörgs Spendenaktion für die DDL
Bereits im zweiten Jahr in Folge ist DDL-Mitglied Jörg sportlich für die DDL und das Thema Aufklärung rund um Depressionen unterwegs.
Regelmäßig berichtet der Geseker auf Instagram von seinen Aktionen. So nimmt er über das Jahr verteilt an unterschiedlichen Events teil oder läuft und radelt im Privaten die ein oder anderen Kilometer. Dabei zählt jeder zurückgelegte Kilometer. Denn pro absolvierten Kilometer sammelt er 0,1 € für die Deutsche DepressionsLiga und fördert so unsere Arbeit nachhaltig.
Sein Jahr 2025 kann sich wirklich sehen lassen. Rund 1700 Kilometer zu Fuß und 612 Kilometer auf dem Rad hat er in den vergangenen 12 Monaten zurückgelegt. Damit sind – von ihm aufgerundet – 250 € für die Arbeit der DDL zusammengekommen. Doch damit nicht genug: Ende des Jahres erzielte seine Geburtstags-Spendenaktion tolle 400€! Insgesamt kommen der DDL also 650 € von Jörg zugute.
Eine tolle Aktion, die beispielhaft für das große Engagement unserer Mitglieder steht und für die DDL und ihre Anliegen von großer Bedeutung ist. Umso schöner, dass Jörg bereits angekündigt hat, auch 2026 wieder Spenden für die DDL zu erlaufen und zu erradeln. Vielen Dank, Jörg!
Starke Unterstützung: Solidaritätsfonds NRW fördert die DDL
Ein besonderes Zeichen der Solidarität erhielt die Deutsche DepressionsLiga 2025 durch eine Spende des Solidaritätsfonds NRW. Der Fonds unterstützte die Arbeit der DDL mit einer Zuwendung in Höhe von 5.000 Euro. Der Spendenscheck wurde von unserem Schirmherrn Torsten Sträter entgegengenommen.
Diese Unterstützung ist ein wichtiges Signal für die Bedeutung von Betroffenenarbeit, Aufklärung und Selbsthilfe im Bereich psychischer Gesundheit. Sie trägt dazu bei, bestehende Angebote zu sichern und weiterzuentwickeln sowie neue Projekte möglich zu machen.
Gemeinsam weitergehen
Diese fünf Aktionen stehen stellvertretend für viele Begegnungen im Jahr 2025. Sie zeigen, wie wichtig Aufklärung, Prävention und ein respektvoller Umgang mit psychischer Gesundheit sind – im Alltag, im Arbeitskontext und im öffentlichen Raum. Die Deutsche DepressionsLiga bedankt sich bei allen Engagierten, Kooperationspartner:innen und Unterstützenden, die diese Arbeit möglich machen.
Auch im kommenden Jahr 2026 wird die DDL weiter daran arbeiten, Betroffenen eine Stimme zu geben, Selbsthilfe zu stärken und Räume für Austausch zu schaffen. Wir freuen uns auf Ihr Engagement und viele weitere mutmachende und inspirierende Gespräche und Begegnungen.