Dieser Beitrag von Jonas Julino erschien in der Freitagsausgabe (10.04.2026) der Fuldaer Zeitung.
Immer mehr Menschen kümmern sich um ihre psychische Gesundheit und suchen mit einer Psychotherapie professionelle Hilfe. Leider ist das gar nicht so einfach und in vielen Fällen bleibt es sogar beim Versuch. Im Durchschnitt warten Betroffene rund 22 Wochen auf einen Therapieplatz – häufig sogar länger. Mitglieder der Deutschen DepressionsLiga e.V. (DDL) berichten von Wartezeiten, die ein Kalenderjahr deutlich übersteigen. Viele Betroffene geben die Suche frustriert auf oder erleben in dieser Zeit eine Verschlechterung ihres Zustands.
Dabei liegt die Konsequenz auf der Hand: Wenn die Nachfrage steigt, muss auch das Angebot wachsen. Stattdessen wird die psychotherapeutische Versorgung durch Einsparungen geschwächt. Die geplante Honorarkürzung von 4,5 Prozent betrifft nicht nur Psychotherapeut:innen finanziell, sondern kann sich auch unmittelbar auf die Versorgung auswirken. Sie gefährdet die Behandlungsmöglichkeiten für Millionen Betroffene und könnte die Wartezeiten im ohnehin überlasteten System weiter verlängern. Ein verheerendes Signal für die psychische Gesundheit in Deutschland.
Als Betroffenenorganisation weisen wir seit Jahren auf diese Missstände hin: lange Wartezeiten, unzureichende Versorgungsstrukturen und fehlende nachhaltige politische Lösungen. Für viele Menschen ist das nicht nur belastend, sondern kann im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden. Über 10.000 Suizide jährlich in Deutschland verdeutlichen den Ernst der Lage. Gleichzeitig gilt: Depressionen sind in vielen Fällen gut behandelbar, wenn Hilfe rechtzeitig verfügbar ist.
Auch der Weg in den Beruf ist mit Hürden verbunden: Auf ein langes Studium folgt eine kostenintensive Weiterbildung mit begrenzten Kapazitäten. Gleichzeitig gäbe es viele motivierte Fachkräfte, die dringend gebraucht würden.
Häufig wird argumentiert, die Versorgung psychisch Erkrankter sei zu teuer. Einsparungen erscheinen dann als naheliegend. Doch aus Betroffenensicht greift diese Perspektive zu kurz: Kurzfristige Einsparungen bei den Krankenkassen können langfristig deutlich höhere Kosten im Gesundheits- und Sozialsystem verursachen. Unbehandelte Erkrankungen führen nicht selten zu Arbeitsausfällen, Frühverrentung und zusätzlichen medizinischen Behandlungen. Einsparungen in Millionenhöhe können so Folgekosten in deutlich höherer Größenordnung nach sich ziehen.
Darauf weisen auch gesundheitsökonomische Studien aus den vergangenen Jahren auf nationaler wie internationaler Ebene hin. So zeigt ein Report der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (2021), dass in rund 86 Prozent der untersuchten Studien die durch Psychotherapie erzielten Einsparungen die Behandlungskosten übersteigen – häufig um ein Mehrfaches der Investition.
Während körperliche Erkrankungen in der Regel zügig behandelt werden, erleben Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig strukturelle Hürden beim Zugang zur Versorgung. Eine funktionierende Gesellschaft braucht jedoch sowohl körperlich als auch psychisch gesunde Menschen. Es ist daher höchste Zeit, dass psychische Gesundheit den Stellenwert erhält, den sie verdient. Denn eine bessere Versorgung sorgt nicht nur für eine gesündere Gesellschaft, sie kann auch Leben retten.
Jonas Julino ist Zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen DepressionsLiga e.V.
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