Warum gerade die Feiertage schwerfallen und was helfen kann
Die Advents- und Weihnachtszeit wird in aller Regel als Zeit der Nähe, der Ruhe und des Zusammenseins dargestellt und gilt für viele Menschen als “schönste Zeit des Jahres”. Doch nicht alle erleben diese Zeit gleich, denn für viele Menschen sind die Tage um Weihnachten mit besonderen Herausforderungen verbunden. Einsamkeit, Trauer, psychische Erkrankungen oder belastende Lebensumstände treten in dieser Phase oft deutlicher zutage. Bilder von harmonischen Familienfeiern und gesellschaftliche Erwartungen können den eigenen inneren Zustand in schmerzhaften Kontrast setzen. Gerade deshalb ist es wichtig, offen über diese Erfahrungen zu sprechen und sichtbar zu machen: Vielen Menschen geht es ähnlich. Niemand ist mit diesen Gefühlen allein.
Psychische Belastungen, die sich in der Weihnachtszeit verstärken können
Einsamkeit ist eine der häufigsten Belastungen rund um die Feiertage. Wer allein lebt, wenig soziale Kontakte hat oder keinen Ort erlebt, an dem er oder sie sich zugehörig fühlt, empfindet die Weihnachtszeit oft als besonders schwer. Das Gefühl, außen vor zu stehen, verstärkt sich durch mediale und gesellschaftliche Darstellungen von Gemeinschaft und Nähe.
Auch Trauer und Verlust werden in dieser Zeit häufig intensiver erlebt. Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste, an verstorbene oder entfremdete Angehörige oder an frühere Lebensphasen können schmerzhaft präsent werden. Viele Menschen berichten, dass gerade diese Rückblicke alte Wunden öffnen oder Gefühle verstärken, die im Alltag sonst besser kontrollierbar sind.
Hinzu kommt der hohe Erwartungs- und Leistungsdruck, der mit den Feiertagen einhergeht. Termine, familiäre Verpflichtungen, finanzielle Sorgen oder das Gefühl, bestimmten Rollen gerecht werden zu müssen, führen bei vielen zu Stress, innerer Unruhe oder Erschöpfung. Menschen mit bestehenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen erleben nicht selten eine Verschlechterung ihrer Symptome. Veränderungen im Tagesrhythmus, fehlende Struktur oder belastende familiäre Umstände können Rückfälle begünstigen.
Nicht selten gesellen sich Scham und Rückzug hinzu. Viele Betroffene ziehen sich zurück, weil sie glauben, ihre Gefühle erklären oder rechtfertigen zu müssen. Gerade dieses Schweigen kann Einsamkeit und Belastung jedoch weiter verstärken. All diese Reaktionen sind menschlich und in der Gesellschaft weit verbreitet. Sie sind kein Zeichen von Schwäche und niemals ein individuelles Versagen.
Was kann helfen? Kleine Schritte, die entlasten können
Doch wie gehe ich nun mit belastenden Situationen rund um die Feiertage um? Sicherlich gibt es kein Allheilmittel, aber doch bestimmte Schritte und Möglichkeiten, besser mit negativen Gedanken und Gefühlen umzugehen. Ein erster entlastender Schritt kann sein, die eigenen Erwartungen bewusst zu reduzieren. Weihnachten muss nicht perfekt sein. Es darf leise sein, anders aussehen als es in den vielen Werbespots gezeigt wird oder ganz bewusst klein gehalten werden. Ein kurzer Besuch, ein Telefonat oder ein selbstgewähltes Ritual können oft mehr Halt geben als ein überforderndes Pflichtprogramm.
Hilfreich kann es auch sein, eigene Grenzen klar zu benennen. Es ist legitim, früher zu gehen, Gesprächsthemen abzulehnen oder Einladungen nicht anzunehmen. Wer sich selbst ernst nimmt, schützt die eigene psychische Gesundheit.
Viele Menschen erleben Struktur und kleine Rituale als stabilisierend. Ein täglicher Spaziergang, feste Essenszeiten, eine kurze Achtsamkeitsübung oder ein vertrauter Ablauf können Halt geben, wenn äußere Strukturen wegfallen.
Soziale Verbindung muss nicht zwangsläufig ein persönliches Treffen sein. Telefonate, Videoanrufe oder digitale Treffen können Nähe schaffen, wenn ein direkter Kontakt nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Darüber hinaus gibt es in der Weihnachtszeit zahlreiche Initiativen, die Begegnung ermöglichen oder Einsamkeit entgegenwirken. Solche Angebote reichen unter anderem von Nachbarschaftsaktionen über Briefe-Aktionen bis hin zu offenen Treffen oder gemeinsamen Mahlzeiten.
Wenn die Belastung groß ist, kann es sehr entlastend sein, mit einer außenstehenden Person zu sprechen. Telefon- und Onlineberatungen sind anonym, kostenfrei und auch über die Feiertage erreichbar. Für viele Menschen ist dies ein wichtiger erster Schritt, um Gedanken zu sortieren und sich nicht allein zu fühlen. Besonders in extremen Situationen und in Situationen, in denen keine Besserung möglich scheint, helfen telefonische Beratungen weiter. Dort sprechen Betroffene mit Expert:innen oder ebenfalls Betroffenen, die viel Erfahrung in der Beratung, auch rund um Weihnachten, haben.
Manche Menschen erleben es zudem als stärkend, selbst aktiv zu werden. Freiwilliges Engagement, etwa durch das Schreiben von Karten oder die Unterstützung lokaler Aktionen, kann das Gefühl von Sinn und Verbundenheit fördern, ohne dass dafür große Verpflichtungen nötig sind.
Professionelle Unterstützung kann langfristig eine wichtige Stütze sein. Auch wenn Wartezeiten auf Therapieplätze oder fachärztliche Behandlungen oft lang sind, lohnt es sich, diesen Weg zu gehen. Hausärzt:innen, Beratungsstellen, psychosoziale Dienste oder Selbsthilfekontaktstellen können erste Anlaufpunkte sein, beraten und bei der Suche nach passenden Angeboten unterstützen. Wichtig ist: Lange Wartezeiten sind kein Zeichen dafür, dass Hilfe nicht wirkt, sondern vielmehr der Ausdruck eines überlasteten Systems. Sich dennoch auf den Weg zu machen, ist ein wichtiger Schritt und verdient Anerkennung.
Angebote und Anlaufstellen in der Weihnachtszeit
Deutschlandweit stehen auch während der Feiertage niedrigschwellige Unterstützungsangebote zur Verfügung. Die TelefonSeelsorge zum Beispiel ist rund um die Uhr erreichbar und bietet anonyme Gespräche für Menschen in Krisen oder belastenden Situationen. Für ältere Menschen richtet sich das Angebot von Silbernetz gezielt gegen Einsamkeit und bietet tägliche Gesprächsmöglichkeiten. Für junge Menschen gibt es chatbasierte Angebote wie Jugendnotmail, die besonders niedrigschwellig sind.
Zahlreiche lokale Initiativen, Nachbarschaftsnetzwerke sowie Träger wie Caritas oder Diakonie organisieren in vielen Regionen Weihnachtsessen, Begegnungsangebote oder Unterstützungsaktionen. Informationen dazu finden sich häufig bei den jeweiligen Kommunen, Wohlfahrtsverbänden oder Selbsthilfekontaktstellen.
Bei akuter Gefahr oder schweren Krisen gilt: Zögern Sie nicht, den Notruf zu wählen oder sich sofort an eine Krisenhotline zu wenden.
Ein Weihnachtsgruß der Deutschen DepressionsLiga
Weihnachten kann Nähe schenken und zugleich schmerzhaft sichtbar machen, was fehlt. Wenn diese Zeit für Sie schwierig ist, möchten wir Ihnen sagen: Sie sind nicht allein. Viele Menschen erleben ähnliche Gefühle, auch wenn man sie ihnen nicht ansieht. Weil wir eine Organisation aus Betroffenen sind, kennen viele von uns selbst die schweren Momente rund um die Weihnachtszeit. Das macht die vielen individuellen Situationen nicht besser oder lässt sie sogar verschwinden. Sie werden aber doch durch die Gemeinschaft gelindert und besser verträglich.
Wir wünschen Ihnen Tage, in denen kleine Lichtblicke Raum bekommen, und Menschen oder Momente, die Halt geben. Gehen Sie achtsam mit sich um, auch über die Feiertage hinaus. Die Deutsche DepressionsLiga steht an Ihrer Seite. Wir wünschen Ihnen trotz allem ruhige Feiertage und einen guten, behutsamen Start ins neue Jahr.
Konkrete Hilfe- und Gesprächsangebote zur Weihnachtszeit
TelefonSeelsorge
Kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar – auch an Feiertagen.
📞 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123
💬 Chat- und Mailberatung möglich
Nummer gegen Kummer
Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern – auch zwischen den Jahren erreichbar.
📞 Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
📞 Elterntelefon: 0800 111 0 550
💬 Onlineberatung möglich
Silbernetz – Hilfe gegen Einsamkeit im Alter
Tägliche Gespräche für ältere Menschen, besonders an Feiertagen wertvoll.
📞 0800 470 80 90
🕗 täglich von 8–22 Uhr
Regionale Krisendienste
In vielen Bundesländern gibt es regionale Krisendienste mit telefonischer Beratung und teils mobilen Einsätzen – auch an Feiertagen.
📞 Einheitliche Nummer (z. B. Bayern): 0800 655 3000
Chat- und Onlineangebote für junge Menschen
Plattformen wie U25, Krisenchat, Jugendberatung digital oder regionale Chatangebote bieten niedrigschwellige Unterstützung – besonders geeignet für Menschen, die nicht telefonieren möchten.
Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfegruppen
Viele Selbsthilfegruppen bleiben auch über die Feiertage erreichbar oder bieten besondere Treffen an. Informationen über regionale Selbsthilfekontaktstellen oder die Selbsthilfegruppen-Datenbank der Deutschen DepressionsLiga
Kirchliche und soziale Angebote
Caritas, Diakonie, AWO und viele lokale Initiativen organisieren Weihnachtsessen, Begegnungscafés oder offene Treffpunkte – unabhängig von Konfession. Hinweise finden sich häufig auf kommunalen Webseiten oder in lokalen Veranstaltungskalendern.
Bei akuter Gefahr
Wenn Sie sich selbst nicht mehr sicher fühlen oder konkrete Suizidgedanken haben:
📞 112 (Notruf)
Bitte zögern Sie nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Konkrete Veranstaltungen gegen Einsamkeit
Wege aus der Einsamkeit
Eine Zoom-Weihnachtsfeier findet am 25. Dezember, um 15 Uhr, u.a. mit Kurzgeschichten und Spielen statt. Zugang zur offenen Veranstaltung erhalten Sie mit einer Mail an info@wegeausdereinsamkeit.de. Weitere Infos auf der Webseite www.wegausdereinsamkeit.de
Initative „Keiner bleibt allein“
Diese Initiative bringt zu den großen Tagen am Ende des Jahres, Weihacnten und Silvester, Menschen zusammen und verbindet Gastgeber:innen und Gäst:innen miteinander. Interessierte können sich über Social Media anmelden, die Fristen sind der 20. Dezember (für Weihnachten) und der 27. Dezember (für Silvester). Mehr Infos auf keinerbleibtallein.net
nebenan.de – „Weihnachten nebenan“
Auf der Nachbarschaftsseite nebenan.de gibt es Austausch und Tipps rund um das Weihnachtsfest. Das kostenfrei Angebot kann genutzt werden, um sich mit Nachbar:innen aus der eigenen Umgebung zu vernetzen. Mehr Infos auf der Webseite www.nebenan.de