Heimlichkeiten belasten sehr

Doris Schulten, ehemalige Pflegedirektorin

Zur eigenen Erkrankung zu stehen, kostet Mut. Doris Schulten half die „MutTour“ und der Austausch mit anderen Betroffenen.

Vor ca. 40 Jahren habe ich bewusst meinen ersten Schub einer Depression erlebt. Damals war ich ohne erkennbaren Grund tieftraurig und mir fehlte, trotz frühsommerlich heiteren Wetters, jeglicher Antrieb. Ich schlief schlecht, grübelte über meinen Sinn im Leben, fühlte mich schlecht und nutzlos. Dieser Zustand dauerte einige Wochen an. Ein mir bekannter Neurologe und Psychiater diagnostizierte eine endogene Depression. Er verschrieb mir ein Antidepressivum, das ich einige Monate einnahm.

 

Als ich wieder Freude an meiner Arbeit und meinem Leben empfand, habe ich das Antidepressivum abgesetzt und die Tatsache, eine Depression zu haben, verdrängt. Mir war wichtig, dass niemand von meiner Krankheit erfuhr. Viele dieser Zustände begleiteten mich im Laufe der Jahre. Meine Selbstzweifel wuchsen an und einige Male wollte ich mich umbringen. Letztlich nehme ich seit ca. 25 Jahren mehr oder weniger regelmäßig ein Antidepressivum. In den vergangenen Jahren habe ich nur mit meiner Schwester und meiner besten Freundin über meine Krankheit gesprochen.

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Immer dachte ich, wenn die Kollegen, mein Arbeitgeber, meine Verwandten und Bekannten es wüssten, würden sie von mir denken, dass ich nicht ‚zurechnungsfähig’ bin, eine ‚Macke’ habe und vor allem nicht zuverlässig und belastbar bin. Ich selbst habe das ja auch gedacht und in meiner Arbeit fürchtete ich Nachteile für meine Karriere und Respektverlust.

Über die Jahre hatte ich gelernt, dass die schlimmen Tage vorübergehen werden und auch, dass ich mit dieser Krankheit zu leben lernen müsse. Ich wollte dennoch nicht darüber reden, war ich doch mit der antidepressiven Therapie in der Lage, die bodenlosen Tiefs zu begrenzen. Heute, nachdem ich seit Anfang des Jahres Rentnerin bin, setze ich mich erstmals offen mit meiner Erkrankung auseinander.

 

Durch einen Zufall bin ich auf die Deutsche DepressionsLiga e. V. (DDL) und ihr Projekt „MutTour“ gestoßen. Mein Wunsch, an der „MutTour“ teilzunehmen, brachte mich zum Vorbereitungswochenende mit anderen Menschen mit Depressionserfahrungen. An diesem Wochenende habe ich erstmals erfahren, wie gut es mir tut, mit Menschen zusammen zu sein, die wissen, wie es ist, wenn man eine Depression hat. Seit diesem Treffen spreche ich offen mit Freunden, Verwandten und Bekannten über meine Depression. Fast jeder ist überrascht, und keiner der mir wichtigen Menschen hat sich von mir abgewandt. Dadurch fühle ich mich frei, denn Heimlichkeiten bedrücken mich nicht mehr.

Mein Eintritt in die Deutsche DepressionsLiga war nun selbstverständlich. Die Mitgliedschaft vermittelt mir Kontakt zu anderen Menschen mit Depressionserfahrung. So habe ich am „Trialogischen Gespräch“ teilgenommen und bin zu einem neu entstehendem Projekt „Das lebendige Buch“ eingeladen. Durch die Auseinandersetzung mit meiner Depression lerne ich, mich voll mit mir und meiner „Begleiterin“ zu identifizieren. Diese innere Freiheit bewirkt auch, dass ich Pläne schmiede, von denen ich vor einem halben Jahr nicht zu träumen gewagt hätte.

 

Im Juli und August werde ich an der „MutTour“ teilnehmen. Darauf freue ich mich riesig. Zur Vorbereitung fahre ich täglich mindestens eine Stunde mit dem Fahrrad und schwimme eine halbe Stunde. Durch diese körperliche Aktivität habe ich auch eine bessere Alltagsstruktur bekommen. Auch habe ich wieder angefangen, täglich zu meditieren, um mit Achtsamkeit durch meine Depression zu gehen. So bin ich voller Hoffnung auf eine gute Zeit mit mir und meinen Mitmenschen.



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