Depressionen gelten heute grundsätzlich als gut behandelbar. Dennoch gibt es viele Menschen, bei denen die Erkrankung über Jahre bestehen bleibt oder bisherige Behandlungen nicht den erhofften Erfolg bringen. Wie kann ein Leben mit einer chronischen Depression gelingen? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Und was hilft Betroffenen im Alltag?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich unser DDLmeeteinander im Juni. Zu Gast waren Axel Schmidt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Oliver Vorthmann, Vorstandsmitglied der Deutschen DepressionsLiga e.V., langjährig in der Selbsthilfe aktiv und selbst von chronischer Depression betroffen. Moderiert wurde die Veranstaltung wie gewohnt von Geschäftsstellenleiterin Dagmar Siewertsen.
Wie bei unseren DDLmeeteinander-Veranstaltungen üblich, bildete der fachliche Impuls den Einstieg. Anschließend stand der offene Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden im Mittelpunkt.
Chronisch bedeutet nicht hoffnungslos
Zum Einstieg gab Axel Schmidt einen Überblick über chronische Depressionen, ihre unterschiedlichen Verlaufsformen und aktuelle Behandlungsmöglichkeiten.
Im weiteren Verlauf zeigte sich: Auch wenn eine Depression über viele Jahre besteht oder bisherige Behandlungen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, bedeutet dies nicht, dass keine Entwicklung mehr möglich ist. Behandlung kann unterschiedliche Ziele haben, etwa stabilere Phasen, mehr Lebensqualität oder einen besseren Umgang mit der Erkrankung.
Behandlung braucht oft mehrere Bausteine
Im Vortrag und in der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass chronische Depressionen meist eine Behandlung auf mehreren Ebenen erfordern. Psychotherapie, Medikamente, weitere medizinische Verfahren sowie unterstützende Alltagsstrukturen und soziale Hilfen können sich dabei sinnvoll ergänzen.
Ein Schwerpunkt des Abends war das speziell für chronische Depressionen entwickelte Psychotherapieverfahren CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy). Es unterstützt Betroffene dabei, wiederkehrende zwischenmenschliche Muster besser zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit anderen Menschen zu entwickeln. Darüber hinaus wurden Fragen zu Schematherapie, Traumatherapie, Ketamin, Esketamin, Elektrokrampftherapie und weiteren Behandlungsmöglichkeiten diskutiert.
Dabei zeigte sich auch: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Welche Behandlung hilfreich ist, hängt immer von der individuellen Situation und den bisherigen Erfahrungen ab.
Zwischen Hoffnung und Erwartungsdruck
Besonders eindrucksvoll war wieder einmal der Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden.
Mehrere Mitglieder berichteten, dass sie sich nach Klinikaufenthalten unter Druck gesetzt fühlten, möglichst schnell wieder vollständig leistungsfähig sein zu müssen. Andere schilderten dagegen sehr positive Erfahrungen mit Kliniken, in denen realistische Ziele vermittelt wurden: Nicht Perfektion, sondern ein achtsamer Umgang mit der Erkrankung und mehr Alltagsfähigkeit standen dort im Mittelpunkt.
Ein Gedanke zog sich durch viele Beiträge: Bereits kleine Fortschritte sind Erfolge. Dass nicht alles gelingt, bedeutet kein persönliches Versagen.
Was Betroffenen im Alltag hilft
Die Vielfalt der Erfahrungen machte deutlich, dass es keinen allgemeinen Königsweg gibt. Genannt wurden unter anderem:
- eine verlässliche Tagesstruktur,
- soziale Kontakte und Selbsthilfe,
- Bewegung und körperorientierte Verfahren,
- Therapie und das wiederholte Annehmen von Hilfe,
- kreative Aktivitäten,
- ehrenamtliches Engagement – soweit es zur eigenen Belastbarkeit passt,
- und vor allem: die Depression nicht ständig bekämpfen zu müssen.
Mehrere Teilnehmende beschrieben Akzeptanz als einen wichtigen Schritt. Ein Satz aus dem Austausch brachte dies besonders treffend auf den Punkt: „Schlechte Tage akzeptieren, gute Tage nutzen.“
Selbsthilfe schafft Verbundenheit
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die Bedeutung von Selbsthilfe. Viele Teilnehmende berichteten, wie entlastend es sei, Menschen zu begegnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die eigene Situation ohne viele Erklärungen verstehen.
Der Wunsch nach einem regelmäßigen Austausch für Menschen mit chronischen Depressionen war so groß, dass die DDL ihn unmittelbar aufgegriffen hat. Bereits wenige Wochen nach dem DDLmeeteinander fand ein Vortreffen mit Interessierten statt. Die neue virtuelle Selbsthilfegruppe „Chronische Depression“ startet im September und bietet künftig einen geschützten Raum für den regelmäßigen Austausch unter Betroffenen.
Fazit: Chronische Depression bedeutet nicht Stillstand
Das DDLmeeteinander hat einmal mehr gezeigt: Chronische Depression bedeutet nicht Stillstand. Auch wenn die Erkrankung viele Jahre bestehen kann, bleiben Entwicklung, Stabilisierung und neue Perspektiven möglich.
Ebenso deutlich wurde, wie wichtig es ist, Behandlung nicht nur medizinisch zu betrachten. Selbsthilfe, soziale Beziehungen, Teilhabe und das Wissen, mit der Erkrankung nicht allein zu sein, können entscheidende Bausteine auf dem persönlichen Weg sein.
Herzlichen Dank an Axel Schmidt, Oliver Vorthmann und alle Teilnehmenden für den offenen, ehrlichen und ermutigenden Austausch.
Ein Angebot für Mitglieder
Die DDLmeeteinander sind ein Angebot für Mitglieder und all diejenigen, die es werden möchten. Im Jahr veranstalten wir neben rund zehn DDLmeeteinander auch weitere Angebote für unsere Mitglieder – beispielsweise virtuelle Selbsthilfegruppen, Workshops oder unseren Recoverykurs RAMSES.
Eine Mitgliedschaft ist bereits ab 12 Euro (ermäßigter Beitrag) bzw. 24 Euro (Regelbeitrag) pro Jahr möglich. Damit profitieren Sie von unseren vielfältigen Angeboten und unterstützen zugleich nachhaltig die Arbeit der Deutschen DepressionsLiga e.V. Wir freuen uns auf Sie!
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