Psychotherapeutische Versorgung in unterversorgten Regionen sicherstellen!

Die SPD-Fraktion hat in den NRW-Landtag einen Antrag zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung eingebracht.

Dazu wurde am 13. September vom Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales (AGS) eine Expertenanhörung durchgeführt. Neben Krankenkassenvertreterin, Kassenärztevereinigung und Psychotherapeutenkammer wurde auch die Deutsche DepressionsLiga e.V. eingeladen, um die Betroffenenperspektive zu vertreten.

Unser ehrenamtliches Vorstandsmitglied Jürgen Leuther (Diplom-Pädagoge und Systemischer Therapeut) hat diese Aufgabe gerne übernommen. Sein Bericht:

Von den anderen Sachverständigen wurden viele Zahlen, Gesetze, Bürokratie und Richtlinien zur psychotherapeutischen Versorgung genannt. Für uns Betroffene ist dies zweitrangig: Wir benötigen die Hilfe – und zwar zeitnah, ortsnah, niedrigschwellig und auf die individuelle Krankheitsgeschichte zu geschnitten. Nach vielen Erfahrungen von Betroffenen ist dies in der Realität nicht gewährleistet. Das habe ich klar und deutlich gesagt. Und: Bei der schlechten Versorgung handelt es sich schlichtweg um eine anhaltende unterlassene Hilfeleistung für viele!

Ob nicht digitale Nutzungen wie Apps an der Situation etwas verbessern könnten, wurde ich im Ausschuss gefragt: Ja, derartige Anwendungen können eine gute Ergänzung sein, aber niemals ein Ersatz für ein persönliche Psychotherapie. Ebenso kam die Frage auf, ob nicht Gruppentherapie von Nutzen sein könnten. Nun, wer möchte, kann sie in Anspruch nehmen. Aber auch hier sage ich: Dies kann kein Ersatz für eine Einzeltherapie sein für jene Menschen, die sich in Gruppen eher überfordert und evtl. zusätzlich belastet fühlen.

Bei der Frage nach der Akut- und Chronisch-Kranken-Versorgung machte ich deutlich, dass es genauso schnell ambulante psychosoziale, psychotherapeutische Hilfen geben muss, wie ein Rezept für Psychopharmaka. Ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Eine kurzfristige Lösung könnte die Einrichtung von berufsgruppenübergreifenden Ambulanzen / Beratungsstellen sein. Diese könnten zur Entbürokratisierung pauschal mischfinanziert werden (Krankenkassen, Eingliederungshilfe, Bund, Land, Kommunen etc.).

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Die Frage im Ausschuss, wie die Wartezeiten auf Psychotherapie verkürzt werden können, beantwortete ich ganz einfach: Es muss mehr Angebote geben. Ob die Coronakrise die Nachfrage nach Psychotherapie verstärkt habe, wollte man im Ausschuss noch wissen. Meine Meinung: Wahrscheinlich schon, vermutlich kam bei vielen Menschen in der Coronazeit auch einiges zu Tage, was schon länger in ihnen schlummerte.

Die Frage, ob der psychotherapeutische Bedarf für Kinder und Jugendliche steigen werde, bejahte ich. Ich arbeite hauptberuflich in einer Familienberatungsstelle, hier werden viele Belastungen deutlich, wie Trennungen, Ängste, Zukunftssorgen der Kinder und Jugendlichen.

Deshalb befürworte ich die Verstärkung der Prävention in den Kitas und Schulen. Hier muss sich strukturell und personell vieles ändern: Ausbau der Schulsozialarbeit, Verbesserung des Personalschlüssels, Einführung ganzheitlicher Konzepte und Angebote im Bildungswesen – Schule muss ein Ort werden, wo man sich wohlfühlt und es genügend Rückzugsräume gibt. Der Hinweis des Vertreters der Psychotherapeutenkammer wurde begrüßt: mangelnde Vorbeugung und nicht durchgeführte Psychotherapien führen später zu enormen anderen gesellschaftlichen Kosten.

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Dann kam noch die Frage nach Antistigma- und Öffentlichkeitsarbeit generell. Pro Jahr erkranken in Deutschland gut fünf Millionen Menschen an Depression. Trotz dieser hohen Zahl und des gerne verwendeten Begriffs der „Volkskrankheit Depression“ ist bei vielen Betroffenen die Scham immer noch groß. Dies ist leider mit Unverständnis und mangelnder Kenntnis in der Gesellschaft über die Erkrankung verbunden. Da es häufig zu einer Leistungseinbuße kommt, ist es auch mit dem Risiko eines Arbeitsplatzverlust behaftet. Deshalb ziehen immer noch viele Betroffene es vor, sich gegenüber seinem Arbeitgeber lieber nicht zu öffnen. Da ist noch viel Aufklärungs- und Informationsarbeit zu leisten, wie es die DDL tut.

Ein weiteres gutes Projekt ist “Verrückt? Na und?” vom Verein Irrsinnig Menschlich an Schulen. Hier werden ganztägig Schulkassen über seelische Gesundheit und Krankheit informiert. Ein professioneller Mitarbeiter bzw. eine Mitarbeiterin und ein Betroffener/eine Betroffene teilen sich die Aufgabe. Dies wird von den Schülern mit großem Interesse aufgenommen. Aber auch für dieses Angebot gibt es, wie bei vielen wichtigen Antistigma- und Aufklärungsprojekten, keine genügende Regelfinanzierung.

Es wird Zeit, dass sich grundlegend etwas ändert! Das Warten in allen Bereichen der psychischen Erkrankung muss ein Ende haben!“

Hinweis:

Zur Aufzeichnung (Livestream) der gesamten Sitzung auf der Homepage des NRW-Landtages

Zum Antrag der SPD und zu den schriftlichen Statements der Sachverständigen auf der Homepage des NRW-Landtags

 

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